Der Mann auf dem Euro-Zeichen – Interview mit einem Occupy:Frankfurt Aktivisten

Vergangene Woche wurde das Camp von Occupy: Frankfurt im Vorfeld von Blockupy geräumt. Dabei saß einer der Aktivisten hoch oben auf dem Euro-Zeichen. Ein Spanier hat noch am selben Tag mit dem Mann auf dem Euro gesprochen.

Wir sind hier nur einige Stunden nach der Räumung des Occupy:Frankfurt Camps durch die Polizei. Welche sind die Gefühle, die bei den Aktivisten herrschen? Mischgefühle? Traurigkeit? Freude?

Erstens Riesenfreude, dass es so gut geklappt hat und dass wir unseren Plan zu hundert Prozent durchziehen konnten. Wir wollten, dass bei der Räumung des Camps alles friedlich abläuft – und das haben wir geschafft. Wir konnten friedlich unseren Widerstand gegen einen offensichtlichen Rechtsbruch  deutlich machen, denn man muss sich dem Denunziantentum und der Einschränkung der  Redefreiheit widersetzen.

Du bist derjenige, der auf Eurozeichen gesessen hat. Ich habe gehört, du hast sogar da oben geschlafen. Wie hast du dich gefühlt? Wie hast du alles von da oben gesehen? Du bist heute fast ein Symbol der Proteste geworden.

Na ja, Symbol ist wohl zuviel. Ich habe auf dem Eurozeichen meinen Spaß gehabt, denn ich konnte alles überblicken. Ich konnte mir in aller Ruhe die Proteste ansehen, und die unglaubliche Solidarität außerhalb der Absperrung. Der gesamte Platz war voll. Viele haben gejubelt, als sie gesehen haben, wie die Protestler in ihren Farbbecken bunt einfärbten.

Wenn wir schon von Solidarität sprechen: wir haben erfahren, dass heute noch Solidaritätskundgebungen in Düsseldorf stattgefunden gab. War das von euch geplant oder hat das Ganze spontan stattgefunden?

Wir haben einfach die Verfügung in Frankfurt bekommen. Wir haben allen Leute erklärt, warum diese Verfügung so rechtswidrig war und warum sie unsere Rechte derartig beschnitten haben. Und ich freue mich riesig darüber, dass sich andere Occupier dazu entschlossen haben, uns mit Demonstrationen ihre Solidarität zu zeigen. Aber das ist nicht von uns initiiert worden, sondern von denen. Und das ist das Faszinierende daran.

Das Camp ist geräumt, aber es wurde angekündigt, dass Ihr dorthin zurückkehren wollt. Ist das so?

Der richterliche Beschluss ist, dass wir dieses Camp erst am 20. Mai wieder betreten dürfen. Daher gehe ich zunächst davon aus, dass wir dahin mobilisieren und das wir tatsächlich vor der Pforte stehen und sagen: „Lasst uns wieder rein, wir wollen unser Zeug, unseren öffentlichen Grund wieder im Besitz nehmen und weiter gegen die Banken zu protestieren“.

Die Proteste in Europa haben am 15. Mai in Spanien ihren Anfang genommen, inspiriert von der Bewegung in Nordafrika (Tunesien, Ägypten). In Spanien wurde vor kurzem das einjährige Jubiläum unter massiver Polizeipräsenz gefeiert – in einem Moment, in dem die spanische Bevölkerung seh unter starker polizeilichen Unterdrückung leidet. Welches wäre es deine Botschaft für die spanische Mitstreiter, die jetzt gegen die drakonische Kürzungen der neugewählten konservativen Regierung protestieren?

Ich kann nur sagen, dass ich sehe, wie schwierig für sie ist und dass ich hoffe, dass sie weiter jeden Schritt gehen, der möglich ist, so klein er auch sein mag. Jeder kleine Schritt bringt einen vorwärts. Nur wer still steht, bleibt zurück. Daher immer weitermachen und wir sollten uns noch stärker zusammentun, neue Ideen zu entwickeln, um die existierenden Probleme, die die Politik nicht lösen will, selbst in die Hand zu nehmen. Gemeinsam können wir ein bessere und gerechtere Welt schaffen.

Können wir das aktuelle Problem des Demokratieabbaus, die wir auf europäische Ebene erleben, lösen, indem die europäischen Völker zusammenarbeiten?

Ich sehe keine andere Möglichkeit. Wir hängen seit 50 Jahren zusammen und ich hoffe, dass wir in 500 Jahre noch zusammenhängen werden. Wir werden das mit viel Geduld, Schritt für Schritt, auf die Reihe bekommen.

In Frankfurt ist das Camp nicht unumstritten. Warum ist es aus deiner Sicht so wichtig?

In einer Stadt des Big Business und der klinischen Sauberkeit muss ein improvisiertes Camp, welches mit minimalsten Mitteln betrieben wird, umstritten sein. Auch dürfte den normalen Besuchern die Begegnung mit einer eher der ärmeren Schicht in diesem Umfeld eher  sonderbar vorkommen.
Das Camp ist aus vielen Gründen wichtig: Es weist auf den gewichtigen Misstand hin, dass zur Zeit das Geld die Menschen regiert. Wie sonst wäre es möglich gewesen, dass öffentliche Mittel in Höhe von 8 Millionen €
zum Schutz von ein paar Gebäuden während der Blockupy Tage eingesetzt  wurden, – dass von den Ordnungsbehörden und den Gerichten das Grundrecht auf Versammlung außer Kraft gesetzt wurde und mehr als 1430 Bürgern ihrer Rechte und  Freiheit beraubt wurden. Es ist schon erschreckend, welche Macht die Banken haben müssen, dass all dieses möglich war.
Es gibt Leute, die sonst kaum miteinander diskutieren würden. Im Camp besteht die Möglichkeit  sich auszutauschen: Anarchisten, Marxisten, Kapitalisten etc. – Punks, Hippies, Rocker, Normalos etc. Solchen Gesprächen auch nur beizuwohnen, ist hoch interessant. In der Regel reden die Politiker aneinander vorbei, sind nur darum bemüht ihr Dogma schön aufpoliert zur Schau zu stellen und versuchen möglichst, Kratzer daran zu vermeiden. Es wäre schön, Occupy als Plattform dauerhaft zu etablieren, auf der sich Menschen politisch  ohne Ansehen der Person diskutieren können.
Auch gibt das Camp einer Gruppe von Menschen vielleicht das einzige Mal in ihrem Leben  die Möglichkeit,  Verantwortung zu übernehmen, sich Respekt zu erwerben, bei Entscheidungen gehört und mitwirken zu dürfen. So wie z.B. der Mann, der als Obdachloser ins Camp gekommen ist und auf die Camper monatelang nüchtern aufgepasst hat. Er hat das Camp als Sprungbrett zu einer Unterkunft und zu seinem Traumjob als Trucker genutzt. Oder P.,  der freudig jeden Tag den Fels den Berg hochrollt, weil er sich die Aufgabe erobert hat, das Lager des Camps zu betreuen. Ich bewundere die Bescheidenheit dieser Leute, die einfach Glück dadurch erleben, weil ihnen mit dem Camp etwas zum teilen gegeben wurde. Ich sehe dies als einen kleinen, stillen Protest im Lärm des Grossen,  der einfach die Frage an der Gesellschaft stellt:  Reicht ein Bett und ein voller Bauch für ein menschenwürdiges Leben ?

Vielen Dank für das Gespräch!

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